Helsinki-Samba-Carnaval-2022-Uniao-do-Samba

Sambafestival in Finnland? Das klingt verrückt genug für União do Samba – da sind wir natürlich dabei! Die erste Band-Reise nach Corona. Inklusive Sauna, Eisbaden, viel Sonne, hellen Nächten, langen, unaussprechlichen Wörtern und einem Ohrwurm für die Ewigkeit.

Trauen wir uns nach Finnland?

Angefangen hat alles mit einer Nachricht von Rebecca an Uli im Juni 2021 mit einem Link zum damals coronabedingt virtuellen Karneval in Helsinki: „Schau dir das an, da müssen wir unbedingt mal hin!“ Woher sie davon wusste? Rebecca hatte mit den Fuegos Online-Tanzunterricht bei Felipe genommen – einer echten Samba-Tanzgröße mit engem Draht zur Helsinki-Sambaszene. Im März 2022 trafen wir uns daher in einem União-Zoom-Call, der unter der großen Frage stand: „Sollen wir? Wollen wir? Trauen wir uns – auch angesichts der damals neuen Unsicherheiten, in ein Nachbarland von Russland zu fliegen?“ 24 Mal lautete die Antwort: „Kyllä“ (ja)!

Start

Aber Moment. Wozu genau haben wir da eigentlich „kyllä“ gesagt? Die finnische Hauptstadt liegt auf demselben Breitengrad wie die Südspitze von Grönland. Dort soll alljährlich Samba getanzt und gespielt werden? Oh ja, und das seit vielen Jahren, mit viel Herzblut und großem Aufwand, wie uns die Finnen Harri und Toni – beide seit Jahren intensiv bei der Festivalorga aktiv und selbst Teil von finnischen Samba-Schulen – in einem späteren Videocall wort- und linkreich vermittelt haben: aufwändige Kostüme, riesige Sambaschulen, eine große Parade mitten durch die Stadt. In diesem Jahr sollte die Sambasause nach der Corona-Pause am 11. und 12. Juni stattfinden.

Vorbereitungen

União do Samba hat also zugesagt und die Vorbereitungen nahmen ihren Lauf – in alle Richtungen: Orga-Queen Betty kümmerte sich um die Festival-Packages, Reinhart und Jürgen B. um Hotels, Susanna und andere um Kostüme, Stephanie um Trommelmäntelchen, die Sängerinnen um einen finnischen Song fürs União-Repertoire. Der WhatsApp-Gruppenchat lief heiß: Schwarze oder weiße Hosen? Wer fliegt wann? Was bringen wir als Gastgeschenke mit? Reicht der Personalausweis für die Anreise? Brauchen wir Handtücher?

Montag 6.6.22 | Anreise

Der größte Teil unserer musikalischen Reisegruppe startete am Montag vor dem Festivalwochenende. Und wie so oft auf União-Reisen war schon die Anreise aufregend (man denke nur an verpasste Anschlussflüge oder Busse, die im Schnee stecken bleiben): „Unser Flug ist überbucht, checkt schnell alle ein“, schrieb Jürgen B. zum Beispiel morgens im Gruppenchat. „Ich sehe noch freie Plätze im Flieger, das müsste für Petra klappen“, ließ Stephanie alle Mitlesenden, die erst am nächsten Tag anreisten, am Krimi teilhaben. Fazit: Alle sind in Helsinki angekommen. Bis auf eine Repi. Aber die konnte am Folgetag unter großem Jubel auch im Hostel in Empfang genommen werden.

Abends dann Ernüchterung angesichts der hohen Preise auf der Suche nach einem Restaurant. Pizzeria? Schon zu. Das hier? Wow, teuer. Was heißen diese ellenlangen und unaussprechlichen Wörter auf der Karte eigentlich? In diesen Pub vielleicht? Keine Jugendlichen erlaubt (die wir mit Clara, Marlene und Dominik tollerweise auch wieder in unserer Gruppe hatten). Viele trafen sich schließlich in einem Burgerladen …

Dienstag 7.6.22 | Tampere

Am Dienstag ging es per Zug (inklusive drehbaren Sitzen!) ins 180 Kilometer entfernte Tampere, da wir eingeladen waren, die dortige Generalprobe der Sambaschule União da Roseira zu besuchen. Ein paar Sekunden einer ganz bestimmten Melodie würde reichen, um die Erinnerungen an diesen Tag sofort bei allen wieder lebendig zu machen. Denn stundenlang hörten wir den diesjährigen Enredo (Sambasong) Elävät Metsämme: „Huhu-huhu-huhu!“ in Dauerschleife. Spektakuläre Kostüme und ausdauernd viele Durchläufe – wir wurden immer gespannter auf das Wochenende!

Um kurz vor Mitternacht war die Gruppe zurück in Helsinki und traf im Hostel auf Micha, Claudia, Alena und Susanne, die erst heute angereist sind. Sie überredeten Hostel-Barkeeper Tarek – der zu einem großen União-Fan wurde, seine Bar ausnahmsweise länger als 0 Uhr aufzumachen („Da kommen 14 durstige Bayern, das lohnt sich!“). Denn im Supermarkt gibt es in Finnland ab 21 Uhr keinen Alkohol mehr, wie wir schnell lernen mussten. Und außerdem ist es im Hostel doch eh „günstiger“: 5,90 Euro für ein Bier, 6,90 Euro für ein kleines Gläschen Wein. Schnäppchen. Spontan lieferten Melanie, Claudia, Micha und Kathleen eine erste Kostprobe ihres finnischen Songs „Ievan Polkka“. Wir waren begeistert!

Mittwoch 8.6.22 | Sightseeing & Warmspielen

Morgens, 7.30 Uhr – Jutta ging erstmal wieder zum „Eisbaden“, wie sie es zuhause täglich macht. In Helsinki zog sie das auch durch, mal allein, mal mit bis zu neun anderen Uniãos und immer an einer offiziellen „Morning-dip-Stelle“ am Meer (Wassertemperatur: 15/17 Grad). Vereinzelt gingen wir danach noch in die hauseigene Sauna. Ein Hostel mit Sauna – das muss doch ausgenutzt werden. Saunen gibt es in Finnland an jeder Ecke, selbst eine der Kabinen im großen Riesenrad am Hafen ist eine.

Vormittags war erstmal Sightseeing angesagt: 4-D-Flug über Helsinki in einem Kino, alte Markthalle, Shopping im berühmten Kaufhaus Stockmann, Holz-Kirche der Stille, Klettern auf den Kuppeln des Amos-Rex-Museums, Felsen-Temppeliaukio-Kirche … der Schrittzähler lief heiß!

Esplanadi

Und außerdem spielten wir uns heute warm. Auf den Esplanadi, einer langgezogenen Parkanlage in der Innenstadt bei bestem Sommerwetter. Erste Erkenntnis dabei: Der Finne an sich ist freundlich-interessiert an Sambamusik, lächelt gerne, macht Fotos, klatscht teilweise mit. Ruft aber nicht „Zugabe“, eigentlich ruft er gar nichts. Das war aber auch bei anderen Gruppen so im Laufe des späteren Festivals, sodass wir die Zurückhaltung nicht persönlich nahmen.

Donnerstag 9.6.22 | Workshop im Bunker

Heute ließen wir uns vormittags wieder treiben – die einen in einer Tramfahrt durch die ganze Stadt, die anderen auf einer Schifffahrt in den Schären von Helsinki und die Familien mit den Teenies zog es in den städtischen Freizeitpark. Wieder traumhaftes Wetter, wie die ganze Woche.

Batucada-Workshop Teil 1

Am Nachmittag fuhren wir dann zu einem Workshop, den Harri für uns organisiert und uns ans Herz gelegt hat. Uli auch – mit den Worten: „Wäre schon gut, wenn ihr hingeht. Je mehr man lernt, umso mehr lernt man!“ (Darauf Jürgen B.: „Den Satz muss ich mir aufschreiben!“) Erste Überraschung: Der Proberaum war in einem Bunker mitten in der Stadt! Und unsere heimlichen schlimmsten Befürchtungen wurden wahr: Wir hatten nämlich ein wenig Bammel, dass nicht so viele außer uns am Workshop teilnehmen und dass man eventuell nur Batucada und nicht Reggae spielt. Voila: Claudio, Leiter von Maravilha do Samba aus Schweden und Mitspieler bei Estácio de Sá aus Rio unterrichtete ausschließlich uns, und zwar ausschließlich Batucada. Allerdings tat er das richtig gut. Wir waren hinterher aber noch gespannter: Sind hier überhaupt andere Sambistas in der Stadt? Ja, merkten wir abends.

Mummotunneli

Als wir für eine kleine „Pre-Opening-Veranstaltung“ in der Passage mit dem niedlich klingenden Namen Mummotunneli spielten und dann Império do Papagaio spielen sahen war klar, Batucada können die wirklich. Oha, die Skandinavier haben an Repi, Tamborim, Snare, Cuica und Surdo so einiges drauf! In Kleinstbesetzung begleiteten sie die Samba-Tänzerinnen perfekt und vor allem rasend schnell. Auch Felipe war da, der tagsüber Tanz-Workshop gegeben hatte. Beeindruckend! Das Kribbeln wurde stärker, Samba lag immer mehr in der Luft.

Freitag 10.6.22 | Es geht los!

Freitag. Vormittags Workshop Teil 2

Diesmal im Freien, am Ufer eines Sees mitten in der Stadt. Und dieses Mal nicht nur mit Claudio, sondern auch mit Tamborim-Direktor Gareth. Supercool! Danach legten wir eine letzte Generalprobe ein, inklusive Gesang und Jutta am Akkordeon. Und wieder klatschten zufällig vorbeikommende Finnen artig.

Dann setzte uns unser „Bandfotograf“ Markus gekonnt und routiniert in Szene und sorgte für bleibende Foto-Erinnerungen vor einem großen Helsinki-Schriftzug.

Erster Bühnenauftritt

Am frühen Abend startete dann das offizielle Programm des Helsinki Samba Carnaval auf einer großen Bühne vor der modernen Zentralbibliothek: Fahnen-Tanz der Porta Bandeira, viel Ansprache und Ehrungen, Sambakostüm-Wettbewerb. Diverse Tänzergruppen, Felipe und wir durften entertainen! Der finnischen Moderation konnten wir nur bedingt bis gar nicht folgen, aber Alena verfolgte fleißig die Google-Live-Übersetzung und hielt uns auf dem Laufenden (und Melanie hat parallel dazu selbst simultan übersetzt ).

Party bis zum Morgengrauen

Abends war dann viel Programm im Apollo-Live-Club angesagt, einer faszinierende Club-Location auf mehreren Ebenen mit großem Stucksaal, diversen Bars, DJ im Innenhof, Karaoke im Keller usw. Wann auch immer die einzelnen von uns den Heimweg antraten: Entweder war es noch hell oder schon wieder … denn Mittsommer stand vor der Tür. Nur so zwischen halb zwei und halb vier wurde es ein kleines bisschen dunkler.

Samstag 11.6.22 | Parade und nochmal Apollo-Live-Club

Samstag. Ab 11 Uhr begann das Programm auf dem herrschaftlichen Senatsplatz vor dem schon von Weiten sichtbaren weißen Dom. Zentraler geht es in Helsinki nicht. Bei uns im Hostel brach nach dem Frühstück aber erstmal allgemeine Kostümhektik aus: Puschel und Ärmel befestigen, schminken, „Wer hat Sicherheitsnadeln?“, alles (taschenlos) einpacken, „Wer hat die Regenbogenfarbe?“ … Am besten hat das eindeutig Susanna hinbekommen – unsere Queen! Sie war es auch, die am Vorabend nicht im Apollo Club war, sondern für alle Ladys unseren Haarschmuck geknotet hat und am Samstagvormittag jeder einzelnen beim Anlegen behilflich war!

Irgendwann in Schwarz-Bunt-Puschel auf dem Platz angekommen, füllte sich der Platz mit der Bühne allmählich. Immer mehr Menschen kamen, irgendwann war alles voll! Und voller Samabaschulen, -tänzer, -musiker! Da waren sie also alle, irre!

Bühnenset vor vollen Rängen

Wir spielten ein Set auf der Bühne. Was eine Ehre für die vollbesetzten Stufen unser Showprogramm spielen zu dürfen! Das ist immer wieder ein fantastischer Anblick von der Bühne aus.

Sambaparade ab Senatsplatz

Um 15 Uhr startete die Parade durch die Innenstadt. Und wieder: wow! Ellenlange Gruppen mit bunten, kreativen Kostümen zogen spielend, singend und tanzend an uns vorbei. Wir starteten an Platz 9 und damit 1,5 Stunden nach offiziellem Start – so lang war die Parade! Und da waren auch sie wieder – União da Roseira: „Huhu-huhu-huhu“ – große Wiedersehensfreude! Knapp drei Stunden später waren wir zufrieden, aber auch völlig kaputt am Ziel und schleppten uns nur noch zu einem All-you-can-eat-Buffet eines chinesischen Restaurants, das Ralf-Jörg und Jürgen schon am Vortag entdeckt hatten (Gruppenrabatt rausgehandelt, yeah!).

Und am Abend lockte wieder der Apollo Club all diejenigen, die noch Energie hatten …

Sonntag 12.6.22 | Chillen

Die ersten sieben reisten heute ab, die meisten der noch Dagebliebenen fuhren per Schiff auf die Insel Suomenlinna. Dass wir dort nach kurzem Spaziergang alle an einem Strand in der Sonne einschliefen, zeigt, wie anstrengend die Tage davor waren … Abends gingen wir Pizzaessen – richtig günstig: die Pizza für nur 15 Euro, der Aperol Spritz nur 10,50 Euro. Auf dem Rückweg schauten wir noch kurz auf dem Outsider Art Festival anlässlich des Helsinki-(Gründungs-)Tags vorbei und dann versammelten wir uns mit unseren letzten Vorräten an Chips, Keksen & Co und mit neuen Vorräten aus dem Supermarkt (vor 21 Uhr!) auf dem Hügel vor der beeindruckenden orthodoxen Uspenski-Kathedrale, an der wir jeden Tag mehrfach vorbeigekommen sind. Zum Sonnenuntergang. Naja, gut. Dass das angesichts der langen Nächte ein zu ambitionierter Plan war, ist klar …

Montag 13.6.22 | Rückflug

Die nächsten neun reisten ab – und der noch verbliebene Rest in Einzelgruppen weiter. Bis Sonntag drauf waren alle wieder zuhause. Kiitos, Finnland! Kiitos, Harri, Toni, Sari, Roosa und allen, die mitgeholfen haben! Kiitos, Claudio und Gareth! Und ein weiteres Mal kiitos an die União-Familie … es ist so schön, (auch von Hamburg aus immer noch) mit euch abzuheben!

Susanne Löw

Bilder: Markus Eder

Wie erstaunlich findest du das Sambafestival in Helsinki? Schreib in die Kommentare.

4 Kommentare
  1. Lisa
    Lisa sagte:

    Das sieht alles sehr interessant aus und hört sich auch so an. Hoffentlich nächstes Jahr wieder, dann bin ich auch dabei 😀
    Lisa

    Antworten

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